Die natürlichste Sache der Welt. Stillen.

Es ist schwer sich etwas vorzustellen, das grundlegender für die menschliche Existenz ist. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum auch 2020 noch so viele Mythen und Missverständnisse mit dem Thema Muttermilchernährung verbunden sind. Daher möchte ich in diesem Beitrag ehrlich und ohne Beschönigung über die Vor- und Nachteile des Stillens sprechen, damit werdende Mütter wissen, worauf sie sich einlassen.

Der Spoiler vorab: Ich bin sehr Pro Stillen! Nicht radikal aber sehr Pro. Entsprechend freue ich mich, wenn ich diese Einstellung weitergeben kann. Es geht mir aber nie darum etwas zu erzwingen oder Schuldgefühle auszulösen. Ich möchte hier über die grundsätzlichen zwei Seiten der Medallie, eben über die positiven und negativen Aspekte des Stillens reden. Konkrete Infos zum biologischen Prozess der Laktation, zur Technik, zur Stilldauer und Brutspflege werden in separaten Beiträgen folgen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Vorteile für das Kind

Das Stillen hat, in meinen Augen, eine riesige Palette an wichtigen Vorteilen, sowohl für Mutter als auch Kind.

Neben der Förderung der Mutter-Kind-Bindung ist das Stillen in erster Linie sehr praktisch. Du musst nicht an Fläschchen, Sauger, Pülverchen, deren Dosierung und anschließende Reinigung denken, sondern hast deine Milchbar immer an dir dran. Dabei ist die Muttermilch, in Menge und Zusammensetzung, perfekt auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt (bis auf wenige, sehr seltene Ausnahmen).

Stillen ist nahezu kostenlos. Nicht ganz. Es sollte in ein Paar gut sitzende Still- BH´s, Stilleinlagen und ggf. eine Milchpumpe (oder Leihgebühr für solche) investiert werden.

Muttermilch fördert das Immunsystem des Kindes, weil sämtliche Antikörper, gegen die Keime aus der mütterlichen Umgebung, mit jeder Muttermilchmahlzeit buchstäblich ins Kind hineingespült werden. Damit ist das Kind gegen diese Keime weitestgehend geschützt. Diesen Effekt bezeichnet man als Nestschutz.

Ebenso stellt das Stillen einen wichtigen Schutzfaktor gegenüber dem plötzlichen Kindstod dar.

Muttermilchernährung senkt beim Kind die Risiken für Allergien und bestimmte Krebserkrankungen bis ins Erwachsenenalter hinein. Die Mechanismen dieses Schutzes sind noch nicht einzeln geklärt. Aber alles deutet darauf hin, dass sich der Vorteil des Stillens für das Kind durch sein gesamtes weiteres Leben fortzieht.

Vorteile für die Mutter

Für die Mutter ist das Stillen primär rückbildungsförderlich. Das heißt die Gebärmutter erlangt bei stillenden Müttern sehr viel schneller wieder ihre Nicht-schwangere Form.

Die Laktation kann helfen, nach der Geburt wieder schneller das Ausgangsgewicht von vor der Schwangerschaft zu erreichen. Die Milchbildung für ein voll gestilltes Kind verbraucht in 24 Stunden 500-700kcal. Damit will nicht nicht sagen Gewichtsverlust sollte Euer oberstes Ziel in der Stillzeit sein! Ich sage nur, das Stillen kann hilfreich dabei sein, wenn man gerne möchte.

Frauen, die gestillt haben, haben ein geringeres Risiko an Brust- und Eierstockkrebs zu erkranken. Auch hier sind die Schutzmechanismen nicht vollständig geklärt aber der Effekt ist eindeutig zu beobachten. Wahnsinnig spannend finde ich, dass sich dieser Schutzeffekt vor Brustkrebs auch bei Völkern nachweisen lässt, in denen traditionell einseitig gestillt wird. Das heißt, nur rechte oder linke Brust über die gesamte Stillzeit. Die Mütter dort stillen und das sogar ziemlich lange. Das geringere Risiko für Brustkrebs gilt dann aber aus irgendeinem Grund nur für die Seite, die tatsächlich laktiert hat.

Das sind natürlich alles Riesenvorteile. Diese Vorteile haben mich selbst überzeugt. Mein Ältester wurde 14 Monate gestillt, Kind zwei 13 Monate und Kind drei ist gerade Eins geworden und wird auch noch zur Beikost zugestillt.

Diese Vorteile überzeugen aber auch viele meiner Patientinnen. Die Mehrheit meiner Wöchnerinnen war bereit es zumindest bis zum dritten Lebensmonat zu versuchen. Seit 2009 habe ich 7 Frauen berteut, bei denen die Laktation, trotz gewissenhafter Bemühungen, nicht funktioniert hat.

Etwa 2-3% der Mütter haben wirklich massive Schwierigkeiten, sodass sie gar nicht erst mit dem Stillen anfangen oder frühzeitig abbrechen müssen. Gerade vor diesem Hintergrund will ich nochmal betonen, wie dankbar man für all die kostbaren Momente des Stillens sein sollte und wie dankbar ich persönlich für meine ausdauernde Laktation bin.

Selbstverständlich….. ABER

Neben den schönen, kostbaren und zauberhaften Momenten gibt es auch die nervigen, schmerzhaften, schlaflosen und gereizten Momente, in denen man denkt: „Wann, WANN bist du endlich abgestillt?!“

Auch das ist Teil der Stillbeziehung. Auch das muss man sich eingestehen. Nichts auf dieser Welt ist NUR schön, Alles hat auch eine Kehrseite.

Übrigens, dass das Stillen die Form der Brust nachteilig verändert und das vom Stillen die Haare ausfallen, stimmt so nicht. Die Brust verändert sich und die Haare fallen aus aber die Gründe dafür liegen bereits in der Schwangerschaft. Es ist nur so, dass der Haarausfall in die Stillzeit fällt, genau wie die Sache mit der Brust.

Nachteile des Stillens

Die meisten direkten Nachteile, wenn man so will, sind logistischer Natur.

Das Stillen ist nicht delegierbar. Du kannst die Milchbildung nicht auf jemand anderen übertragen. Selbst wenn Du planst abzupumpen und den Papa oder jemand anderen per Flasche füttern zu lassen, ist das nur die halbe Rechnung.

Denn trotzdem muss alle drei bis vier Stunden irgendwas mit der Brust veranstaltet werden, um sie zu entleeren. Ausstreichen oder pumpen zum Beispiel. Egal, ob du ein Meeting hast, beim Sport bist oder auf einem Konzert. Tust du das nicht, beginnt die Brust zu spannen, zu schmerzen und du riskierst einen Milchstau.

Das Stillen dominiert deine Kleiderwahl für eine sehr lange Zeit. Selbst wenn du irgendwann wieder anfängst in deine nicht-schwangeren Klamotten hineinzupassen, ist das Hauptargument für oder gegen ein Kleidungsstück- wie schnell komme ich an die Brust, wenn das Kind brüllt?

Dazu gehört auch der ewige Kampf mit den Stilleinlagen. Die nachhaltigen aus Wolle oder Seide zeichnen sich stark unter der Kleidung ab, unter den industriellen schwitzt die Haut. Beide können verrutschen, bzw., wenn man die Stilleinlage im BH festklebt, verrutscht die Brust beim springen während deines ZUMBA-Kurses und du läufst mitten im Fitnessstudio, vor versammelter Mannschaft, aus.

Das eigene Konsumverhalten im Hinblick auf bestimmte Lebensmittel, Medikamente, Alkohol und Nikotin ist für eine seeehr lange Zeit eingeschränkt.

Unmittelbar während einer Stillmahlzeit kannst du nur schwer etwas anderes machen. Netflix gucken, ginge zum Beispiel. Einem zweijährigen Geschwisterkind hinterher zu rennen und ihm die Klobürste wegzunehmen, für die er jetzt plötzlich ein obsessives Interesse entwickelt hat, ist schwierig.

Rückenschmerzen, wunde Brustwarzen und Milchstau können theoretisch zu jedem Zeitpunkt der Stillzeit auftreten. Sie lassen sich durch Anpassung der Stillposition und einer Reihe weiterer Maßnahmen korrigieren, sind aber trotzdem unangenehm.

Mitten in der Nacht zum sechsten mal. An sehr heißen Tagen, wenn dein Kind gefühlt alle fünfzehn Minuten für ein Schlückchen an die Brust will, weil es nur Durst hat. Wenn das Baby zahnt und zur Beruhigung nur die Brust hilft, die dann aber, aus versehen, immer mal wieder angeknabbert wird…. Es ist manchmal auch nicht schön, sondern sehr anstrengend.

Fazit

Aus meiner Perspektive würde ich aber trotzdem immer dazu raten das Stillen zumindest zu versuchen. Es ist einfach zu gut, zu wichtig, zu vorteilhaft für Mutter und Kind, um ganz davon abzusehen. Selbst Müttern, die fest entschlossen sind gleich nach der Geburt abzustillen, wird heutzutage empfohlen ihre Kinder innerhalb der ersten drei Tage immer mal wieder anzulegen, um die Rückbildung zu fördern und dem Kind die für das Immunsystem so wichtige Vormilch zukommen zu lassen. Abstillen geht nach diesen drei Tagen immer noch.

Aber jedem das seine. Das ist mein Standpunkt, meine Überzeugung und meine Empfehlung.

Wenn bereits stillt, darf man aber auch mal motzig sein. Auch wenn von allen Seiten gepredigt wird: „Du hast es dir selber so ausgesucht!“

Man darf es auch mal nicht nur schön, sondern nur anstrengend finden. Ebenfalls darf man sich auch offen darauf freuen, wenn endlich abgestillt wird.